Christus ist in unserer Mitte, liebe Leserinnen und Leser.
In der heutigen Lesung aus dem Evangelium (Lk 7,31-35), die wir in der Liturgie gehört haben, sagt der Heiland, dass die Juden wie launische Kinder sind, die nicht zufrieden sein können: Johannes der Täufer kam - sie warfen ihm übertriebene Askese vor; der Menschensohn kam - und dieser ist nicht so, denn er isst und trinkt und freundet sich mit Zöllnern und Sündern an.
Diese sich gegenseitig ausschließenden Ansprüche waren in den Köpfen der Zeitgenossen Christi erstaunlich friedlich, die die Absurdität ihrer Vorwürfe sowohl gegenüber dem Vorläufer als auch gegenüber Jesus nicht verstehen konnten. Ein solches Verhalten ist charakteristisch für die gesamte von der Sünde verdorbene Menschheit. Wenn wir diese oder jene Situation im Leben analysieren, sind wir uns der Richtigkeit unserer Urteile aufgrund der Logik unseres Verstandes so sicher, dass wir oft nicht in der Lage sind, unser Gegenüber zu verstehen, das den widersprüchlichen Charakter unserer Aussagen erkennt. Um unsere eigene Meinung zu rechtfertigen, überschätzen wir die Bedeutung der Vernunft in unserem Leben. Wir denken ständig über irgendetwas nach, und es scheint uns, dass sich das Zentrum des Lebens in unserem Kopf befindet. Nur wenige Menschen denken darüber nach, dass dieser ungebremste Strom des Nachdenkens einen großen Teil der Lebensenergie verschlingt. Die Menschen verschwenden sie mit ständigen inneren Dialogen, mit albernen Phantasien und Träumen, mit allem, was in ihrem Gehirnzentrum vor sich geht.
Weder im Evangelium noch bei den Heiligen Vätern finden wir eine Betonung der Bedeutung des Verstandes. Das Hauptaugenmerk der geistlichen Väter liegt auf dem Herzen des Menschen als dem tiefen Zentrum seiner Persönlichkeit. Die Vernunft ist nur unser Helfer, aber keineswegs unser Befehlshaber. In der Tiefe des menschlichen Herzens wirkt der Geist, der den Ton unseres Lebens angibt, und der Verstand erfüllt nur Hilfsfunktionen.
Wenn der Mensch sich ganz mit dem Verstand identifiziert, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist lebt, wenn er nicht tief in sein Herz schaut, wenn er es nicht durch das Gebet reinigt, wird sein eigener Verstand für ihn zu einem Phantom. Durch den Glauben an dieses Phantom verliert man den Bezug zur Realität und hört auf, kritisch zu denken. Ein Beispiel dafür sind die Pharisäer, die die guten Werke des Erlösers sahen, aber gleichzeitig sagten, dass sie alle das Ergebnis der Machenschaften des Teufels waren.
Das heutige Evangelium fordert uns auf, sorgfältig darauf zu achten, was unser innerer Mensch lebt. Um den Zustand unseres geistlichen Herzens zu erkennen, müssen wir uns bemühen, inneren Frieden und geistliche Stille zu bewahren, wobei Gott uns helfen wird.
Luka (Kovalenko),
Metropolit von Saporischschja und Melitopol
18. Oktober um 3:14 Uhr
